Samstag, 1. September 2012

Warum mein Friseur wie mein Handy wird

Nichts gegen dynamische Märkte, manchmal ist ja sogar Entwicklung gleichbedeutend mit Fortschritt. Bestes Beispiel hierfür ist die Entwicklung von 4-lagigen Toilettenpapier. Seitdem werde ich häufig auf meine sanfte Haut angesprochen. Eindeutig Fortschritt.

In anderen Bereichen wäre der bessere Begriff eher "Wegschritt". Handys sind so ein Beispiel. Benchmarks über Akkuleistungen in Handys scheinen sich hauptsächlich auf Einsatzmuster zu beziehen, die aus 70% HD-Videos schauen und 30% mp3 hören bestehen. Wie lange ich aber telefonieren kann, bis ich in der Wüste die nächste Stromoase finde (Camel-Energy) scheint niemanden mehr zu interessieren. (Hinweis ans Marketing: Wie wäre es mit "Phone 'till you're dying of thirst"). Überhaupt, das Studieren von Testberichten in Magazinen wie Connect (Fehlkauf meinerseits, dachte es handelt sich um ein Kontaktmagazin) ist ein richtiger Augenöffner. 3 Seiten Test für ein neues Gerät und quasi in der Fußnote steht, dass das Teil auch zum Telefonieren geeignet ist.

Weniger "Wegschritt", dafür eher von fabelhafter Sinnfreiheit ist dagegen etwas, was ich gestern auf der Autobahn sehen dürfte: In Jena - diesem Ort, dessen Bevölkerung bekanntermassen zu 90% aus native english speakers besteht, sind die Notarztwagen nicht mit "Notarzt" und auch nicht mit "Rettungswagen" beschriftet, sondern mit "Ambulance". Entweder sind die Fahrzeuge eine Schenkung einer ehemaligen afrikanischen Kolonie und der Betreiber hat sich das Umlackieren gespart, oder aber Jena baut für internationale Rettungseinsätze vor. Wenn in England demnächst Notarztwagennotstand ausbrechen sollte, wird garaniert zum heissen Telefon (s.o.) gegriffen und Jena angerufen. Only Jena can save us now. (Immer vorausgesetzt, das Telefon hat auch eine Telefon App.)

Und damit wäre ich dann bei meinem Friseur. Anders als in anderen Lebenssituationen bin ich bei der Wahl meiner Kopfhaargestaltungsfachkraft sehr wählerisch. In den letzten 10 Jahren haben gerade mal 3 verschiedene Experten ihr Werkzeug zücken dürfen, um zu gestalten, was am Kopfe spriesst und gedeiht. Ich bin da also eine sehr treue Seele in dieser Hinsicht. Seit einigen Jahren stelle ich allerdings auch hier einen beängstigenden Trend fest: Haare schneiden tritt beim Friseur - oops, pardon, isch meinte natürlisch COIFFEUR - immer mehr in den Hintergrund. Heute morgen wurde ich - ungelogen, ich schwöre - begrüsst mit:
"Guten Morgen Herr N., ich bedanke mich für Ihre Terminvereinbarung. Wir haben heute folgendes Programm für Sie zusammengestellt: Wir beginnen zunächst mit einer Kopfmassage. Anschliessend wird Mary eine Pflegepackung auftragen. Wir haben dann bereits eine Kollektion für Sie in Frage kommender Hairstyles präpariert, wozu unsere Angelique Sie dann ausführlich beraten wird. Wenn Sie sich entschieden haben ...." 

OK, nach der Kopfmassage war ich so entspannt, dass mir alles andere egal war. Zum Beispiel auch der Umstand, dass ich mich immer noch nicht für einen neuen Funkknochen entschieden habe.

Vielleicht - kleiner Hinweis an den deutschen Zoll - könnte sich hieraus eine Strategie zur Bekämpfung des Marihuana-Konsums ableiten lassen: Einfach an der deutsch-niederländischen Grenze mobile Coiffeur-Einrichtungen aufbauen und mit dem Slogan versehen "Don't dope, we'll cut your hair to make you fly".

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen