... aber das kostet Kraft und benötigt Zeit, mich darauf geistig einzustellen. Und wenn ich eingeladen werde, Keynote-Vorträge zu halten, dann sicherlich nicht, weil ich den Ruf eines einfühlsamen Sozialtherapeuten habe.
Zeit und Kraft. Beides hatte ich diese Woche nicht. Also stand ich auf der Bühne vor einigen Hundert Mitarbeitern dieses Unternehmens und philosophierte über Führungskräfte, die immerzu auf ihre Visitenkarten schauen um sich zu vergewissern, dass sie auch wirklich Führungskräfte sind. Denn wenn's da steht, muss es wahr sein.
Die Menge der mehr oder weniger gesichtslosen und austauschbaren Anzugträger (die Damen ausschliesslich im Business-Kostüm, müssen wohl alle bei der unternehmenseigenen Schneiderei das Standardmodell gewählt haben) fühlte sich wohl angesprochen und kompensierte meine Verbalattacken durch überlautes Gelächter.
Bis auf einen. Leider hatte man mich nicht informiert, daß sich zwei Vorstandsmitglieder unter die Meute gemischt hatten. Samstag abend kam dann eine Mail, die zwar meine Eloquenz lobte, aber "Ihre Aussagen treffen ja wohl kaum auf unsere hochmotivierten und qualifizierten Führungskräfte zu."
Ich grübelte über eine freundliche Formulierung einer Antwort. Von Verstärkung des eh schon hohen Motivationsniveaus wollte ich schreiben, dem Vergleich mit Unternehmen, deren Führungsriege noch gesichtsloser ist ... einfach nett wollte ich sein.
Zum Glück lasse ich solche Schreiben immer etwas liegen, bis ich sie absende. Heute Mittag lief über den Nachrichtenticker, daß das Unternehmen mehrere hundert Millionen weniger Umsatz gemacht hat, als im Jahr davor.
Ich hätte nett gekonnt ... das wollte ich an dieser Stelle nur mal sagen. Ich habe ja so wenig Gelegenheit, das unter Beweis zu stellen.
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